Presseartikel

Spiegel Reporter | August 2000
Nackt wie King Lear
Deutsche von morgen

Helga Hengge ist die erste deutsche Frau, die auf dem Mount Everest stand und heil wieder runter kam.
Mitgebracht hat sie: Zuversicht für den Rest des Lebens.

Oben ist wenig, nur noch Unendlichkeit. Nichts als Himmel, Schnee, ein paar Steine. Keine Farben, kein Geräusch. Sie hat sich immerzu gedreht, um sich selbst, bis ihr schwindelte. Auf einem Stück brüchigem Gipfel, gerade so groß wie ein Küchentisch, verpackt in eine Daunenjacke, mit Steigeisen unter den Füßen, hundert Geschichten und Gedanken im Kopf.

Helga Hengge war am 27. Mai 1999 auf dem Dach der Welt, eine kurze Stunde lang, die ihr vorkam wie fünf Minuten. Als sie in dieser Vollmondnacht von den 8848 Metern hinunterschaute, glaubte sie am ganzen Körper das Glitzern des Mondes auf den Schneefeldern und das Flattern der Engelsflügel in der Stille zu spüren, dachte „die ganze Welt schläft jetzt, einfach alles” und war überglücklich.

Sie war auf dem Mount Everest angekommen, nach zwei Monaten, nach Tagen, an denen sie überzeugt war, für keinen weiteren Schritt mehr Kraft zu haben. Dass sie nun doch hier stand, auf dem höchsten Berg der Erde, verdankte sie ihrem tibetischen Sherpa, Gerhard Polt und King Lear. Der erste nahm sie tröstend in den Arm, der Zweite nahm ihr mit seiner bayerischen Stimme auf der Kassette „Standort Deutschland” das Heimweh, der Dritte nahm ihr den Zweifel, dass es je anders gewesen ist, je anders sein könnte: „Wie King Lear steht man auf einmal nackt vor den Elementen, ohne seine Krone”, sagt Helga Hengge.

William Shakespeare war kein Bergsteiger, aber er wusste, sagt sie, wie sich die Wandlung des Menschen anfühlt. Wusste um das Risiko, enttäuscht zu werden, besonders von sich selbst. Wusste von der Angst, dass „weniger in einem steckt, als man dachte” und davon, dass man an diesem allerletzten Punkt keinem mehr etwas vormachen kann. Viele, die kurz davor aufgeben müssen, tragen die Niederlage schwer mit sich nach unten. Helga Hengge hatte Glück, sie entdeckte in sich genug Stärke und schaffte es am Ende sogar, nach dem ersten schlimmen Schmerz, an den Toten vorbeizugehen, die vor ihr auf demselben Weg gescheitert waren.
Vielleicht liegt es daran, dass die 34-Jährige beim Aufstieg begriff: Ich werde umkehren können.

Helga Hengge war die einzige Frau der internationalen Expedition, ist bis heute die einzige Deutsche, die lebend auf den Mount Everest raufkam und lebend wieder hinunter. Als Frau habe man nichts zu verlieren, sagt sie, viel weniger Erfolgsdruck; von ihren Mitstreitern wurde sie „die Prinzessin” genannt, belächelt, weil sie einen Spiegel mitschleppte. Mit körperlicher Kraft jedoch hat es nichts zu tun, das hat sie auch verstanden.

Sie hat Film und Philosophie studiert und ohne das Lesen von „24 großen Büchern, ohne Kierkegaards Kraft des Absurden im Sinn”, hätte sie sich nicht so leicht getan. So erschien ihr die Anstrengung „wie eine Pilgerfahrt”, dahin, „wo die Götter wohnen”. Wenn sie davon erzählt, fürchtet sie manchmal, dass sie pathetisch klingt, schrecklich abgehoben.

Wer sie dann erlebt, down to earth, freut sich darüber, dass nicht nur abgedrehte Typen wie Reinhold Messner ein solches Abenteuer überstehen. Obwohl ihre Stimme brennt, wirkt sie unprätentiös, angenehm normal. Sie wollte unbedingt auf den Berg, weil sie sich dort wunderbar frei fühlt und sie schon als Kind den Geschichten ihrer Großeltern gelauscht hat, die früh, in den Sechzigern, Trekking-Touren in Tibet unternommen haben.

Als Helga Hengge vom Gipfel zurückkehrte, war sie zunächst todtraurig. „Man war oben und hat nichts mitgebracht.” Es war vorbei. Erst langsam versteht sie, dass sie doch eine Menge im Rucksack hatte: das Vertrauen, dass man unvorstellbar Vieles kann — und den Mut, es werde auch beim nächsten Mal gehen. Es muss nicht immer ein Berg sein, für den man seine Angst in den Griff zu kriegen hat. „Der Everest ist ja nur eine Metapher für etwas Großes.”

Anushka Roshani

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