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Presseartikel
Personalführung | August 2005
Sie hat als erste Deutsche den Gipfel des Mount Everest bezwungen: die Extrembergsteigerin Helga Hengge. Am 27. Mai 1999 schaffte sie den Aufstieg über die schwierige und gefährliche Nordroute in Tibet im Team der Himalayan Experience Expedition. Beim Personal-Talk auf dem DGPF-Kongress berichtete Hengge nicht nur von physischen und psychischen Grenzgängen, sondern auch von der großen Herausforderung, unter lebensgefährlichen Bedingungen mit unbekannten Teammitgliedern erfolgreich zu sein. „Ich bin nicht gipfelbesessen, sondern ich wollte einfach dabei sein. Ich hätte umkehren können. Das ist bitter, aber das muss man können.” Die das sagt, muss es wissen: Helga Hengge, die erste erfolgreiche deutsche Bergsteigerin auf dem Mount Everest, berichtete beim „Personaltalk” über ihren Weg auf den höchsten Berg der Welt. Als „Bezwingerin” des Chomolungma — „Muttergöttin der Erde” nennen die Tibeter den Berg der Superlative — würde Hengge sich kaum bezeichnen lassen: Zu innig ist ihr Verhältnis zu dem majestätischsten aller Berge, den sie denn auch nicht erstürmt, sondern eher behutsam erklommen hat. Vielleicht war es diese Abhängigkeit von äußeren Umständen — Wetterumschwünge, schlechte Stimmung im Team, eine Medikamenten-Unverträglichkeit —, die gepaart mit einer mentalen Stärke, dem Willen, doch noch den nächsten Schritt zu tun, den Zuhörern beim DGFP-Kongress noch mehr Respekt abnötigte als die reine körperliche Leistung der 38-Jährigen. In ihrem Vortrag über den als besonders schwierig geltenden Aufstieg über die Nordroute räumte sie denn auch den ‚spirituellen Kraftquellen’ ebenso Raum ein wie den äußerlichen Wegmarken: zwei Basis- und vier Höhenlager, dazwischen 22 Kilometer „Steine treten” auf einer Moräne, ein Eisfluss, dahinter die „Todeszone” und endlich, an einem der Maitage, in denen sich einmal im Jahr ein Wetterfenster über dem Everest öffnet, — der Gipfel. Mönche hatten das Expeditionsteam bei der Fahrt mit Pferdewagen ins 5.200 Meter hoch gelegene Basislager begleitet, um dort durch eine Feier um das Gelingen des Vorhabens zu bitten. In den zwei Monaten, die folgten, hat Helga Hengge „gelernt, wo man Wärme findet.” Die Gespräche ihrer Teamgefährten seien ihr manchmal zu technisch und kühl gewesen: „Die haben immer wieder nachgerechnet, wie viele Sauerstoffflaschen wir bis zum Gipfel brauchen. Deshalb bin ich oft zu den Sherpas ins Küchenzelt gegangen und habe ihnen zum Beispiel einmal gezeigt, wie man Kaiserschmarren macht.” Den Berg behutsam besteigen Eine klassische Vertreterin der Schneller-Höher-Weiter-Fraktion ist die Mutter eines vier Monate alten Kindes nicht. Eher folgt sie der buddhistischen Weisheit „Der Weg ist das Ziel”: „Man kann einen Berg auch behutsam besteigen. Wenn das Ziel aber nur der Gipfel ist, dann wird es unwahrscheinlich gefährlich”, oder man verausgabt sich zu früh. Bestes Beispiel: eine zehnköpfige Seilschaft, der die Münchnerin auf dem Berg begegnet ist. „Das waren einfach zu viele Gockel auf einem Misthaufen. Sie waren kein Team, sondern mussten sich gegenseitig beweisen, wer am schnellsten ist. Deshalb sind sie zu früh aufgebrochen und mussten im dritten Lager schon umdrehen. Ihr Bergführer hat zu mir gesagt: ‚Wenn Du das schaffst, dann höre ich mit dem Bergsteigen auf.’” Die zeitweilige Wahl-New Yorkerin verriet den Zuhörern beim DGFP-Personaltalk auch, mit welchen Anfechtungen sie zu kämpfen hatte: „Zwischen fünf- und zehnmal war ich versucht aufzugeben. Meine größte Angst war, dass ich es nicht schaffen würde, meine Kräfte überschätzt hatte und dann die anderen auch in Gefahr bringen würde, denn der Gipfel ist nur der halbe Weg. Große Angst hatte ich auch davor, auf dem Weg zum Gipfel auf die Leichen von Bergsteigern zu treffen, die beim Abstieg gestorben sind.” 99 Prozent derer, die ihren Aufstieg auf den Mount Everest mit dem Leben bezahlen, treffe das Schicksal auf dem Rückweg: „Sie setzen sich vor Erschöpfung hin und sterben. Und es ist wahnsinnig schwer, hier umzudrehen, den Gipfel wieder aufzugeben.” Doch auch über diese, ihre größte Angst haben ihre tibetanischen Begleiter die ehemalige Modejournalistin hinweg getröstet: „Sie haben gesagt, dass die Toten doch in ihrem Sterben dem Himmel sehr nahe waren und dass sie bei etwas gestorben sind, das für sie sehr viel Glück bedeutet hat.” Kurz nach Mitternacht muss man das letzte Stück des Weges zum Gipfel in Angriff nehmen, denn „bis Sonnenuntergang muss man zurück sein. Auf dem Berg scheint alles näher als es wirklich ist: Ich habe manchmal gedacht, bis zum nächsten Camp ist es nur ein Kilometer, das schaffen wir in ein bis zwei Stunden, und trotzdem haben wir den Weg nie unter sechs Stunden geschafft. Vom Camp 3 an, wo die Todeszone beginnt, wird man sehr langsam und antriebslos, und es dauert unendlich lange, bis man sich wieder aufrafft”, erklärte Hengge. Der Natur entgegen Aber was treibt eine erfolgreiche Moderedakteurin, die nebenbei in New York noch mit Auszeichnung ein Philosophie-, Film und Marketingstudium absolviert hat, auf den höchsten Berg der Welt? „Dieser Modezirkus ist eine hektische, glamouröse Welt, aus der man flüchten muss”, erklärte die Bergsteigerin: „Es hat mich gepackt, der Natur entgegenzugehen, die man in New York nicht sieht.” Dass sie sich dazu das Bergsteigen ausgesucht habe, sei eher Zufall gewesen: „Ich hätte auch irgendwas anderes machen können. Vielleicht liegt es daran, dass meine Großeltern gute Bergsteiger waren.” Auch, wenn Hengge ihren Vortrag nicht unmittelbar auf Fragen der Personalführung bezog, so schilderte sie doch, welche Einstellung man braucht, um mit anderen zusammen Erfolg zu haben: „Auf so einer Expedition geht man mit unbekannten Teammitgliedern, die man sich nicht aussuchen kann. Trotzdem muss man mit ihnen monatelang in großer Nähe leben, auch wenn man weiß: ‚Das ist der Allerletzte, mit dem ich meine Zeit verbringen möchte.’ Das schafft man nur, wenn es einem gelingt, an demjenigen etwas Positives zu finden.’” Denn aussuchen kann man sich seine Teamkollegen auf einer Himalaja-Expedition nicht: „Dazu gibt es zu wenige Höhenbergsteiger. Kleinere Sechstausender kann man noch mit Freunden machen, aber ich würde mit meinen besten Freunden nicht auf den Everest steigen.” „Man fällt in ein Loch” Was bleibt, nach dem Erlebnis auf dem Gipfel des höchsten Berges der: „Man fällt erstmal in ein unglaubliches Loch, so als hätte man gerade seine Doktorarbeit beendet. Man spürt noch gar nicht, dass man oben war, fragt sich: ‚Warum steh' ich auf in der Früh'?’ und stürzt sich gleich in die nächste Expedition. Aber, wenn ich noch einmal auf den Everest steigen sollte, dann über eine andere Route. Das Schöne an einem Berg ist, dass er neu ist, dass man ihn entdecken kann. Wenn man noch einmal den gleichen Weg geht ist die Gefahr groß, die Herausforderung nicht mehr ernst zu nehmen — man wird fahrlässig. Ich habe jetzt auch mehr Kraft für die kleineren Everests des richtigen Lebens.” Und in gewisser Weise ist Helga Hengge auch ‚am Berg geblieben’: Mit dem Erlös des Buches über ihr Everest-Abenteuer unterstützt sie eine Schule im Dorf der Tibeter, im Rongbuktal, mit denen sie weiterhin freundschaftlichen Kontakt hält, und weitere Schulen sollen folgen: „Dazu müssen Verhandlungen mit der chinesischen Regierung geführt werden. Dieses Projekt wird mich in den nächsten Jahren beschäftigen.” dhs |