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Presseartikel
Pforzheimer Zeitung | May 2007 Helga Hengge, erste deutsche Frau auf dem Mount Everest, spricht beim Studium generale über Motivation und Belohnung Es sind nur noch wenige Meter bis zum Ziel, zum Gipfel. Dem höchsten der Welt: 8850 Meter. Mount Everest, „Muttergöttin der Erde”, wie ihn die Tibeter ehrfurchtsvoll nennen. Doch Helga Hengge kann keinen Fuß vor den anderen setzen. Es ist 1 Uhr nachts an jenem 27. Mai 1999. Vom vierten und letzten Camp aus in 8300 Metern wagen drei Teams den Gipfelsturm. Und Hengge schwächelt. Waren drei Jahre Kondition bolzen, zwei Monate Vorbereitung vor Ort — von den 35 000 Dollar ganz zu schweigen, die ein geführter Aufstieg mit guten Sherpas (Trägern) kostet — umsonst? Ihr Sherpa — man nennt sie auch die „Tiger des Himalaja” — kontrolliert in ihrem Rucksack den Durchfluss des Sauerstoffs aus der mitgeführten Flasche. Es stellt sich heraus, dass Hengge nur mit der Hälfte des Sauerstoffs versorgt wird wie vorgesehen: mit zwei Litern pro Minute. Ihr Sherpa korrigiert die Ventilsteuerung. Sofort ist die Kondition wieder da, die Kraft, die letzten Meter bis zum Ziel zurückzulegen. Die Sonne geht auf. Es ist 7:30 Uhr. Sie sind an diesem Tag die ersten Menschen auf dem Gipfel. Höher geht es auf Erden nicht mehr. Es ist fast die Reiseflughöhe von Jets. Und Helga Hengge, damals 32, ist die erste deutsche Frau auf dem Mount Everest. Sie hat Bücher geschrieben seither, ist zu Gast in Talkshows, reist von Vortrag zu Vortrag — so auch auf Einladung der Studium-generale Chefs, Professor Christa Wehner und Honorarprofessorin Barbara Burkhardt-Reich, in Pforzheim. Fast alle Plätze im Walter-Witzenmann-Hörsaal sind besetzt. Der mit leiser Hintergrundmusik untermalte Lichtbildervortrag ist ein wohltuender Gegensatz zum pseudophilosophischen Egomanen Reinhold Messner, dem ersten Bezwinger aller 14 Achttausender und ersten Mann, der ohne Sauerstoff den Everest bestieg. Es ist ein bunter Haufen, der sich nach Tibet aufmacht, um den höchsten aller Berge über die chinesische, die Nordseite zu besteigen. Zehnmal mehr Bergsteiger versuchen es über die nepalesische Seite. Die Erfolgsquote beträgt 20 Prozent. Viele, die es nicht schaffen, versuchten es ein zweites, drittes, viertes Mal. Das muss auch der Chef der Expedition, der Hengge angehört, schmerzlich erfahren: Der Neuseeländer Russell Brice ist zu erledigt, um vom dritten zum vierten Höhen-Camp zu steigen — er hat zu viel Kraft verbraucht, um anderen, die in Bergnot waren, zu Hilfe zu eilen. Der Polizeichef von Tokyo hat schon früher die Segel gestrichen, hat sein Leistungsvermögen überschätzt. Da ist er nicht der einzige. So sind nur noch Hengge, ein Zündkerzendesigner aus Japan und ein australischer Banker jeweils mit einem Sherpa übrig für den letzten Akt. Zwei Monate lang haben sie sich akklimatisiert an die dünne Luft, haben trainiert, auf jeden Luxus verzichtet. „Das merkt man erst hinterher, wenn man alles wieder hat”, sagt Hengge, „Salat mit Avocado, ein saftiges Steak, Schokoladeneis.” Vieles von dem, was sie sagt, um die mitunter betörend schönen Bilder zu erläutern, ist durchaus metaphorisch gemeint — wenn Hengge mit der Kamera hinab blickt auf die Berge unter ihnen, die immer mehr werden, je höher sie klettert und Symbol sind für das, was man schon geschafft hat. Oder wenn sie sagt, dass auch der kleinste Schritt zählt, um die gesteckten Ziele auch über Zwischenstationen zu erreichen. Sicher, es habe Situationen gegeben, wo sie nahe dran war, hinzuschmeißen. Warum tat sie sich das an? Warum auf einen Berg hinauf, wenn man nach einer oder einer halben Stunde auf dem Gipfel doch wieder runter muss? Runter in den Alltag. Hinein in ein mentales Loch, wie sie zugibt. Zwei Monate Schinderei, in der alles andere als die Konzentration aufs Wesentliche ausgeblendet wurde — vorbei. „Bisher hab’ ich mir immer schnell wieder einen neuen Berg gesucht”, sagt die gelernte Journalistin — gearbeitet, bis genügend Geld da war für einen neue Expedition, und dann durfte der Gipfel rufen. Ganz laut ertönt dieser Ruf zurzeit aus Afrika. Der Kilimandscharo weartet auf sie. Olaf Lorch
Helga Hengge dhs |