"Der Yeti kann nicht weit gewesen sein."

Jun 30, 2015
Interview Mit Regine warth für die Stuttgarter Nachrichten - Juni 2015

Die Münchnerin Helga Hengge hat als erste deutsche Frau den Mount Everest bestiegen. 
Drei Jahre hat Helga Hengge sich darauf vorbereitet, den höchsten Berg der Welt zu besteigen – und es 1999 auch geschafft. Damit hat sich die heute 48-Jährige einen Kindheitstraum erfüllt.

Von Regine Warth

Dünne Luft, große Höhe, eisige Kälte – warum wollten Sie den Mount Everest besteigen?

Die Muttergöttin der Erde, Chomolungma – so nennen die Tibeter und Sherpas den Mount Everest – hat mich früh in ihren Bann gezogen. Ich war sieben Jahre alt, als meine Großeltern von einer Reise aus dem Himalaja zurückkamen und Bilder zeigten. Meine Großmama hat damals mit einer Klangschale die Göttin Miyo Lungsang­mo gerufen, die oben am Berg wohnt. Und ich habe mit Staunen hinaufgeschaut in die weiße Wolkenfahne, die vom Gipfel wehte. Es sah aus, als würde die Göttin tanzen und den ganzen Schneestaub aufwirbeln. Ich glaube, an dem Tag ist der Traum entstanden. Viele Jahre später habe ich dann in New York in einer Kletterhalle angefangen, diesen Traum zu verwirklichen.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich bin jeden Morgen vor der Arbeit zwölfmal um den Washington Square Park gelaufen. Das ist ein kleiner Park mitten in Manhattan. Das dauerte etwa eine Stunde. Zudem war ich fast jeden Abend in der Kletterhalle oder auf dem Stepper, einem Fitnessgerät, mit Gewichten im Rucksack. Und ich bin in den drei Jahren, in denen ich mich vorbereitet habe, auf viele Berge gestiegen – darunter einige Sechstausender in den Anden und ein kleiner Achttausender im Himalaja. Ich wollte Erfahrungen mit der extremem Kälte und der dünnen Luft machen. Das große Glück war, dass fast bei jeder meiner Expeditionen ein Bergsteiger dabei war, der schon mal am Mount Everest war oder einen anderen gut kannte, der schon mal am Everest war und unendliche Geschichten von den Abenteuern am Berg erzählt hat. So wusste ich viel vom Berg.

Wie lange hat der Aufstieg gedauert ?

Zwei Monate. Bis zum Basecamp konnten wir über das Hochland von Tibet mit einem Geländewagen fahren, das dauerte zehn Tage. Von dort ging es dann zu Fuß weiter. Wir haben zwei Basecamps am Berg eingerichtet, eines auf 5200 Meter Höhe und das zweite näher am Berg auf 6400 Metern. Dort haben wir uns in den ersten Wochen akklimatisiert – das heißt, dass wir uns an die dünne Luft gewöhnt haben. Vom zweiten Basecamp haben wir dann vier Wochen gebraucht, um die Route vorzubereiten: Wir haben vier Höhencamps aufgestellt, immer eine Tagesetappe vom nächsten entfernt, Camp 1 auf 7000 Metern, Camp 2 auf 7600 Metern, Camp 3 auf 7900 Metern und Camp 4 auf 8300 Metern. In jedem Camp haben wir drei Zelte aufgestellt und mit Matten, Schlafsäcken, Kochgeschirr ausgestattet. Für den Aufstieg mussten wir auf ein geeignetes Wetterfenster warten. Damit ist eine Spanne von einigen Tagen gemeint, in denen es im Gipfelbereich relativ warm und windstill ist, meistens Mitte Mai. Als dieses kam, konnten wir in fünf Tagen zum Gipfel aufsteigen – und mussten nicht mehr so viel Ausrüstung im Rucksack tragen.

Wie isst und schläft man während des Aufstiegs in so großer Höhe?

In den ersten beiden Basecamps haben uns zwei Köche namens Lacchu und Kul Badur versorgt. Kochen in so großer Höhe ist gar nicht einfach, denn das Wasser kocht schon bei einer viel niedrigeren Temperatur. Spaghetti zum Beispiel muss man in einem Drucktopf kochen. Wir haben viel Curry­Gerichte gegessen, Pasta, Pommes, Eier, Pfannkuchen, Suppe. In den oberen Camps mussten wir uns selbst versorgen: In jedem Zelt gab es einen Gaskocher, mit dem wir Schnee schmelzen konnten. Dann haben wir uns meistens asiatische Nudelsuppen gekocht. Viel kann man in der Höhe nicht essen, denn der Magen braucht Sauerstoff, um gut verdauen zu können, und da er in der Höhe nicht genügend Sauerstoff bekommt, hat er auch keine Lust, etwas zu essen. Das Wichtigste ist, dass man viel trinkt – mindestens vier Liter Tee am Tag.

Haben Sie einen Yeti gesehen?

Nein, ich habe leider keinen Yeti gesehen, aber die Sherpas haben uns viele Geschichten vom Yeti erzählt. Sie glauben wirklich, dass es ihn gibt. Er wohnt in den unteren Bergregionen des Himalaja, dort wo er noch Nahrung findet. Über dem zweiten Basecamp am Mount Everest wächst nichts mehr, und da leben auch keine Tiere – nur im ersten Basecamp, auf 5200 Metern, gibt es klitzekleine Blumen und Moose, die am Flussbett zwischen den Steinen wachsen, und ein paar Mäuse, schwarze Vögel, die durch die Lüfte schwirren, und einmal habe ich hinter den Ruinen des alten Klosters am Fuße des Mount Everest eine Herde wilder blauer Schafe gesehen. Da kann der Yeti eigentlich nicht weit gewesen sein.

Der Mount Everest wird gern als höchste Müllkippe der Welt bezeichnet – warum?

Früher haben viele Bergsteiger die Sachen, die sie nicht mehr brauchen konnten und nicht heruntertragen wollten, einfach am Berg zurückgelassen. Der Wind hat dann die Zelte zerfetzt, die leeren Sauerstoffflaschen lagen herum, alte Gaskartuschen, Bonbonpapiere. In manchen Camps sah es wirklich aus wie auf einer Müllhalde. Inzwischen hat es sich sehr gebessert – auch, weil immer mehr Bergsteiger zum Mount Everest kommen und nicht über den Müll steigen wollen. Es gibt jetzt strenge Regeln. Man muss alles, was man auf den Berg mitgenommen hat, wieder zurückbringen – auch wenn man es vorher gegessen hat. Dafür gibt es kleine schwarze Plastiktüten.

Wenn man den höchsten Gipfel bestiegen hat, kann man da noch in den Alpen wandern gehen, oder sind die nun zu niedrig?

Und wie – die Alpen sind ja fast vor meiner Haustüre, und die Berge sind genauso schön wie der Himalaya. Nur die Köche Lacchu, Kul Badur und die Sherpas fehlen mir dort – und der Yeti.

 

Wer auf dem „Dach der Welt“ unterwegs ist, muss sich warm anziehen – wie Helga Hengge, als sie auf dem Mount Everest stand.  



© 2017 Helga Hengge. Alle Rechte vorbehalten.