Fuji-san – Göttin des Feuers

Aug 06, 2015
27. Juli 2015, Kurz nach Mitternacht - Fuji, 8. Station, 3100 Meter
Die Nacht über dem Fuji ist klar, so klar, dass der Kraterrand hoch über uns mit dem Himmelsgewölbe verschmilzt und die Lichter der Pilger, die ihm entgegenströmen, direkt in den Sternenhimmel wandern. Wo er beginnt und die Lichterprozession endet ist nicht zu erkennen. Der Wind braust auf und mit ihm die Kälte des nahenden Morgens. Dicht an dicht drängen sich die Wanderer, Schritt für Schritt höher und höher hinauf auf dem gewundenen Pfad, der in weiten Serpentinen steiler und steiler durch dunkles Lavageröll steigt. Hinter uns hat sich der Himmel von der Erde getrennt und die ersten Zeichen der Sonne leuchten in einem schmalen Streifen über dem Horizont. Endlich naht das letzte Tori, das den allerheiligsten Bezirk markiert, und wir treten hindurch auf den Kraterrand. Die Lichter der offenen Hütten und Teestuben strahlen uns entgegen, verströmen Wärme und Leben. Überall gibt es heiße Suppen und Tee, Stempel für die Pilgerstöcke, Glöckchen und Souvenirs. Die Wanderer jedoch drängen zu den Holzbänken in den Felsen und richten den Blick und mit ihm ihre Herzen gen Osten. Am Rand des Himmels wölbt sich der Lichtbogen nach oben, vertreibt die letzten Sterne der Nacht. Der Wind pfeift in aufbrausenden Böen über den Gipfel des Berges, kalt und unerbittlich. Und dann erhebt sich plötzlich der rote Ball der Sonne aus den tiefliegenden Wolken, ein Raunen geht durch die Reihen der Pilger, Oh und Ah Rufe schallen hinaus, Hände klatschen zusammen und mittendrin eine leise Melodie und das flatternde Brausen des Windes. Für das Gefühl in diesem Augenblick gibt es im Japanischen den Begriff "mono no aware". Er beschreibt ein plötzlich auftretendes, tiefes Empfinden, eine Empfänglichkeit für die vergängliche Schönheit der Dinge und die sanfte Traurigkeit, die damit einhergeht.

 

 

 

 

 

 

© 2017 Helga Hengge. Alle Rechte vorbehalten.