Presse

Leonart

Everest en Vogue
August 2008

Helga Hengge ist die erste deutsche Frau, die auf dem Mount Everest stand. Im September berichtet sie in Mittenwald über ihre Erlebnisse am höchsten Berg der Welt.

Eine große schlanke Frau Anfang 40, mit blonden Haaren und einem Gesicht, das an die Dietrich erinnert: Helga Hengge ist nicht unbedingt das, was man sich unter einer Extrembergsteigerin vorstellen würde. Sie arbeitet in der Modebranche und organisierte schon Fotoshootings an den exotischsten Orten. Unter anderem an einem Gletscher in der Schweiz direkt unter dem Gipfel des 4000 Meter hohen Allalinhorns. Immerhin ein winzig kleiner Berührungspunkt zwischen den beiden Welten der Mode und des Bergsteigens.

Jenes Fotoshooting reichte, um die blonde Frau mit dem Bergfieber zu infizieren. Sie begann mit dem Freeclimben an hundert Meter hohen Felsen in der Nähe von New York, wo Hengge damals lebte. Aufgewachsen ist sie in München, wo sie auch heute wieder lebt. Aber ganz so von Null auf Hundert sei das mit dem Bergsteigen dann doch nicht gewesen, erzählt Hengge. „Meine Großeltern waren schon leidenschaftliche Trekker. Ich glaube, die Liebe zu den Bergen ist immer in mir gesteckt, es kam aber nicht raus, weil ich zu beschäftigt war.”

1996 brach die von den Großeltern vererbte Leidenschaft dann voll durch: Hengge bestieg den 6960 Meter hohen Aconcagua — einen der Seven Summits. Ein Jahr später folgte Huascaran, mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Als ihre erste Himalaya-Expedition 1997 in einem Schneesturm am Cho Oyu abgebrochen wurde, kletterte Hengge kurzerhand auf die Ama Dablam — zwar kein Achttausender wie der Cho Oyu, dafür aber technisch anspruchsvoller als ihre Gipfelbesteigungen der Jahre zuvor. Drei Jahre, nachdem Hengge, mit dem Höhenbergsteigen begonnen hatte, fühlte sie sich reif für den Everest, ihren Traumberg. Am 27. Mai 1999 erreichte sie gemeinsam mit Sherpa Lobsang den 8848 Meter hohen Gipfel über die Nordroute von Tibet aus. „Ich war erstaunt, als ich frühmorgens schon oben stand. Um sieben Uhr erreichten wir den Gipfel”, erzählt Hengge. „Ich hatte es mir kälter, härter, länger vorgestellt.” Eine Stunde verbrachte sie auf dem höchsten Punkt der Erde. „Keine Faser meines Körpers wollte da wieder hinunter.”

Kaum einer der Männer, die sich mit Hengge das Basislager teilten, hätte der blonden Frau mit ihrer bisweilen naiven Ahnungslosigkeit von den Schwierigkeiten der Aufstiegsroute einen solchen Erfolgs zu getraut. „Ich bin besser, wenn ich weniger weiß”, erklärt Hengge. „Sonst hätte ich es mir vielleicht gar nicht erst zugetraut.” Mit einem starken Willen gesegnet, stand sie Kopfschmerzen und Hustenanfälle bis zum Brechreiz durch und überwand ihre Angst vor den im Eis konservierten Leichen. Nur noch zwei andere Männer aus ihrem Expeditionsteam erreichten den Gipfel mit Unterstützung der Sherpas — ursprünglich waren sie zu fünft gewesen, die hinauf wollten. Drei Männer ließen in jener Saison ihr Leben an der Everest Nordroute.

Trotzdem bleibt er für Hengge „der faszinierendste Berg, auf den ich je gestiegen bin”: nicht nur wegen seiner Höhe, sondern wegen seiner Lage, umgeben von der tibetischen und nepalesischen Kultur und seinem Aussehen in Form einer Pyramide, „die schon vom Base Camp aus in ihrer ganzen Größe sichtbar ist.” Für sie sei es eine Reise spiritueller Natur gewesen, erklärt Hengge, „eine Reise in mich selbst hinein. Jetzt erst, fast zehn Jahre später, merke ich, welche Kraft in diesen zwei Monaten am Everest in mir entstanden ist.”

Benefizvortrag von Helga Hengge zugunsten der Tibethilfe Oberland in Garmisch-Partenkirchen, 19. September, 19:30 Uhr, in der Aula des Werdenfels Gymnasiums.

Dagmar Steigenberger

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