Presse

Münchener Merkur Journal

Die Letzte gibt nie auf
Mai 2013

Helga Hengge aus München bezwang als erste Deutsche den Everest

Glücklich auf dem höchsten Berg der Erde: Die Münchnerin Helga Hengge am Gipfel des 8848 Meter hohen Mount Everest im Himalaya.

Der höchste Berg der Erde heute: Rekorde und Tragödien, Ausrüstungswahn und Massentourismus. Seit der Erstbesteigung vor 60 Jahren hat sich vieles geändert. Trotzdem: Für die Münchnerin Helga Hengge, erste Deutsche auf dem Achttausender, ist dieser Berg das größte Erlebnis.

„Barbie-Girl“ nennt man sie bei ihrer ersten Himalaya-Expedition. Zur „Himalaya-Prinzessin“ wird sie nach hrem ersten Achttausender. Am Everest wurde aus Helga Hengge schlicht „Helikopter“. Eine Auszeichnung ist keiner der drei Spitznamen für die Münchner Bergsteigerin: Den ersten verleihen hemdsärmelige Kollegen der zierlichen Blondine, der zweite geht auf ihre Höhenprobleme und die nötige Begleitung zurück. Und der dritte beruht allein auf einem Übersetzungsfehler ihres Namens. Am 27. Mai 1999 steht Helga Hengge trotzdem als erste deutsche Frau tatsächlich auf dem höchsten Berg der Welt. Im Team des neuseeländischen Leiters Russell Brice schaffte sie es über die anspruchsvolle Nordroute. Heute berichtet die Münchnerin für Firmen, wie man Risiken und Ressourcen einschätzen, akribisch planen und „Herausforderungen meistern“ kann. Eine davon ist die, auch als Frau ganz oben zu sein.

Von der Modenschau zum Klettern

Sicher hätten es sich Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay am 29. Mai 1953 nach der ersten nachweisbaren Gipfelbegehung nicht träumen lassen, dass ihren Fußstapfen auf den Everest fast genau 46 Jahre später die erste Deutsche folgen würde. Auch für Helga Hengge steht das eigentlich nicht auf dem Plan. Die Münchnerin ist nach New York gegangen, jettet mit als Modestylistin und -journalistin um die Welt und entdeckt in den USA ein neues Hobby, einen Gegenpol zur modischen Damenwelt: Klettern. In einer Buchhandlung fällt ihr die Reportage über die Seven Summits in die Hände. Das war Inspiration genug fürs Training: 2011 hatte sie die sieben höchsten Gipfel der  Kontinente (Aconcagua / Südamerika, Everest / Asien, Kilimandscharo / Afrika, Elbrus / Europa, Mt. Vinson / Antarktis, Carstensz Pyramide / Ozeanien bzw. Australien, McKinley / Alaska) selbst in der Tasche. Dass sie auch hier die erste Deutsche ist? Purer Zufall! Hengge treibt  „Reisefreude“ an, nicht „Rekordjagd!.

Und auch ein gehörige Portion Naivität – zumindest zu Beginn. Denn ihr erster Berg war der Aconcagua, Südamerikas Höchster mit fast 7000 Metern. Ihre Mutter, wie die Großeltern eine Bergsteigerin, war über den Plan entsetzt und wollte sie erst mal auf die Zugspitze schicken. Fehlanzeige. Die Erfahrungen mit Expeditionen musste Helga Hengge schon selbst machen: „Das Hauptproblem ist die Höhe. Das Gefühl kann man sich nicht vorstellen: Eigentlich ist man fit, aber auf 5000 Metern läuft man plötzlich gegen eine Wand, setzt sich weinend ins Geröll, will nichts essen oder trinken, keinen Schritt mehr gehen.“ Hengge war geschockt, „wie man sich verwandelt, sich physisch nicht mehr erholt und mental in totale Lustlosigkeit verfällt“. Gleichzeitig aber war sie fasziniert: von der Zeitlosigkeit des Gehens, dem Meditativen. „In der Höhe wird man immer langsamer, hat endlich Zeit, Gedanken zu Ende zu denken, zur Ruhe kommen – und der Kopf wird frei“.

Die Synthese aus der körperlichen Verausgabung und der geistigen Dimension – sprich: die richtige Taktik – hat sie mit den Jahren gelernt: Gehen, so weit man sich wohl fühlt. Kennen und Respektieren der eigenen Leistungsgrenze. Kein Kampf, der alles blockiert. Am Everest war es ebenso hart wie hilfreich, unter 14 Männern zu erfahren, dass ihr als Letzte schließlich einer der Yakmänner Mut zusprach. Heute sagt sie: „Ich habe kein Problem mehr, mich hinten einzureihen und ganz langsam los zu gehen.“ Im Gegenteil, sie wertet es als Stärke: Jede Rolle im Team wichtig ist. „Mancher Bergsteiger ist froh, wenn ich das Tempo drossele, nötige Pausen einfordere und er sein Gesicht dabei nicht verliert.“ Denn gerade in Männerteams „geht es anfangs oft recht streng zur Sache. Die Not ist groß zu beweisen, dass man ein Recht hat, dabei zu sein.“ Hengges Platz gemäß der üblichen Vorurteile früher war schnell klar: „Die kann unseren Geschichten lauschen und sich im Camp nützlich machen.“ Heute kämpft sie mit einem ganz anderen Ruf: Dem, der ihr vorauseilt...

Eine weitere Stärke entdeckte Hengge bei Eiseskälte, Schneetreiben und endlosen Wartezeiten am Berg: „Wenn es scheinbar aussichtslos und hart wird, behalte ich sehr lange meinen Glaube an die Sache und kann auch andere motivieren.“ Auf Vorträgen versucht sie heute, Menschen zu inspirieren, Träume zu verwirklichen und Grenzen zu verschieben. Als Heldin sieht sie sich dabei nicht.

Der Traum Everest ist für Hengge anfangs genauso „fern und galaktisch“ wie für alle anderen. Selbst bei der Idee, die höchsten Gipfel der Erde zu besteigen, ließ sie ihn immer aus. Aber: Auf jeder ihrer Expeditionen hat einer „mit leuchtenden Augen“ vom Everest erzählt. „Je mehr ich unterwegs war, desto präsenter war er.“ Bei einem Fotoshooting mit Araceli Segarra, der ersten spanischen Bezwingerin des Everest, denkt sie: Die wirkt so mädchenhaft, wenn die es schafft, schaffe ich es auch. Drei Jahre lang trainiert sie. Zuerst packt sie die Ehrfurcht beim Trekking zum Basislager. Dann erlag sie 1999 dem Bann: „Zwei Monate lang stehst du jeden Morgen mit dem Everest auf und gehst mit ihm ins Bett. Dem kann man sich nicht entziehen.“

Sonnenstühle am Basiscamp

Umso mehr ist aber auch Geduld gefragt. Und die hat sie von den Sherpas gelernt: „Chomolunga - die Muttergöttin, wie die Tibeter den Everest nennen - zwingt uns mit den Stürmen am Berg Pausen auf. Wenn sie sieht, dass wir wieder bei Kräften sind, lässt sie die Sonne scheinen und uns weiter aufsteigen.“ Diese Sicht der Dinge bestimmt seither Hengges Sicht auf die Welt: „Die Naturkraft hat mich zutiefst berührt. Ich bin zurückgekommen mit dem Glauben in unsere Schöpfung. Ich habe mich am Berg sehr klein gefühlt.“ Kein Wunder, dass Hengges Faszination heute die heiligen Berge sind. Stehen sie doch ganz im Gegensatz zum Alltag, wo man eher die Natur bezwingt und an die Technik glaubt. „Den Respekt vor der Natur zurückzugewinnen, das gibt sehr viel Kraft.“

Kann man das auch heute noch am Everest? Jahrzehnte später, wo man sich – zumindest auf der Südroute - in den Gänsemarsch zum Gipfel einreihen muss? „Die Herausforderung verschiebt sich, es ist zwar annehmlicher geworden im Basecamp mit Videos und Sonnenstühlen, aber nicht unbedingt leichter.“ Jeder investiert noch immer eine Menge an Training, Zeit und Geld in den Berg – mancher sogar sein Leben. Die Kunst des Umdrehens, des erneuten Versuchs, der Wahl des richtigen Moments ist genauso schwer wie früher.

Bei Hengge waren damals acht Menschen an einer Stufe angestanden, heute sind es Dutzende. „Es tut mir leid für die Bergsteiger, ihn so erleben zu müssen.“ Aber andrerseits sieht Hengge auch: „Für die Menschen, die von diesem Berg leben, sind die Expeditionen wichtig.“

Die Kraft der Berge lockt Hengge einmal pro Jahr  auf Expedition – aktuell ist sie am Ararat. Das ist ein Kompromiss mit der Familie: „Mein Mann ist nicht in den Bergen zuhause und für große Touren kann ich ihn nicht begeistern. Für ihn sind die hohen Berge eher eine Qeulle von unendlichen Gefahren. “ Die Kinder, sechs und acht Jahre alt, bezieht Hengge mit ein, hielt schon Vorträge im Kindergarten. Aber als Mutter sieht sie auch ihre Grenzen: „Ich kann noch hundert Jahre vom K2 träumen, das kann ich nicht machen. Das lässt mein Verantwortungsbewusstsein nicht zu.“ Dass Vätern von der Gesellschaft andere Rollen zugestanden werden, das ist ein anderes Thema…

Von Freia Oliv

Informationen

>> Bücher

-       Nur der Himmel ist höher – Mein Weg auf den Everest. Von Helga Hengge. 24 Euro (über die Homepage beziehbar). Das nächste Buch zu den Seven Summits erscheint voraussichtlich 2014.

-       Auf Augenhöhe oder eine Nasenlänge voraus. Von Franziska von Aspern (Hg.). Militzke Verlag, 16,99 Euro. Mit einem Beitrag von Hengge und Reinhold Messner.

>> Internet: www.helgahengge.com

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