Presse

Süddeutsche Zeitung

„Ich habe mich gefühlt wie eine Göttin"
April 2009
Helga Hengge hat vor zehn Jahren als erste Deutsche den Mount Everest bezwungen

München. Der letzte Anstieg, die steile Felswand im Visier, den Abgrund im Rücken, fordert von Helga Hengge die letzten Kraftreserven. Jeder Schritt ein Kampf, jeder Atemzug schmerzt in der Brust. Und dann, nach zwei Monaten Leben am Berg und zehn Stunden konzentrierten Aufstiegs ist da auf einmal der Moment, der für all die Strapazen entlohnt: Der Schritt auf den Gipfel. „Du siehst auf der anderen Seite wieder hinunter und über dir ist nur noch der Himmel. Ich habe mich gefühlt wie eine Göttin, als hätte ich schweben können.” Helga Hengge, aufgewachsen in Deining, hat als erste Deutsche erfolgreich den Mount Everest erklommen. Zehn Jahre ist das inzwischen her. Erinnern kann sich die heute 42-Jährige daran, als sei es gestern gewesen. „Ja”, sagt sie verträumt und nach einer kurzen Pause: „Das Gefühl vergisst man nicht.”

Karriere in New York

Die Liebe zu den Bergen, Helga Hengge verspürt sie von klein auf. Mit ihren Eltern zeiht sie im Alter von sechs Jahren von Chicago nach Bayern. Vom Wohnzimmer ihres Hauses in Deining aus kann sie bei gutem Wetter die Alpen sehen. „Das wirkte immer so, als könne man die Berge schon mit den Händen berühren.” Trotz des alpinen Panoramas wird Deining der blonden jungen Frau mit 18, nach dem Abitur, zu eng. „Ich wollte raus in die weite Welt. New York, das war immer mein größter Wunsch”, erzählt sie.

In der amerikanischen Metropole macht sie schnell Karriere, wird Modejournalistin und führt ein Leben, wie es typisch ist für New Yorker: viel Arbeit, viel Stress, wenig Zeit für Entspannung. Als Ausgleich lernt Helga Hengge Freeclimbing. Schon bald reicht ihr die Kletterwand nicht mehr. Nur ein Jahr nachdem sie angefangen hat zu trainieren, besteigt sie 1997 die ersten Sechstausender. Zwei Jahre später folgt der Mount Everest.

Lediglich ein Fünftel der Bergsteiger, die den höchsten Berg der Welt über die Nordwand in Tibet besteigen wollen, erreicht den Gipfel in 8848 Metern Höhe. Die anderen müssen aufgeben. Helga Hengge hat es geschafft. Aber nicht allein. „Das Wichtigste ist ein gutes Team. Man muss sich gegenseitig unterstützen und sich hundertprozentig vertrauen können”, sagt sie. Und eine gehörige Portion Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und pure Selbstüberwindung gehöre beim Extrembergsteigen natürlich auch dazu. 1999 war Helga Hengge die einzige Frau in ihrem Team. Schlank, ja zierlich wie sie ist, hätten die Männer zumindest anfangs befürchtet, sie könne zum Klotz am Bein werden, vermutet sie. „Aber ich hab’ schnell meinen Platz im Team gefunden.”

Ihr New Yorker Jetset-Leben hat Helga Hengge inzwischen wieder gegen die bayerische Heimat eingetauscht. Sie ist verheiratet, zweifache Mutter und beruflich so etwas wie ein Eine-Frau-Unternehmen. Ein Buch hat sie geschrieben über ihre Gipfelstürme. Und in Vorträgen vor Führungskräften, zu denen sie von ihrem jetzigen Wohnort Grünwald aus anreist, erzählt sie von ihren Grenzerfahrungen.

„Der Mount Everest ist eine Metapher für jede große Herausforderung, auch im Management”, erklärt sie. „Die Führungskraft kennt die Route, kann das Ziel beschreiben, aber es ist längst nicht in einem Tag zu erreichen. Es braucht eine lange Vorbereitungsphase und vor allem ein gutes Team, in dem sich jeder seiner Verantwortung bewusst ist.” Hundertfach hat Helga Hengge von ihren Abenteuern erzählt. Doch ihre Begeisterung ist noch immer ansteckend.

Ein großes Ziel hat sie immer noch vor Augen. Die Seven Summits will sie „vollmachen”, die sieben höchsten Berge der sieben Kontinente. Drei Gipfel fehlen ihr dafür noch.

Doch die Extremsportlerin ist inzwischen vorsichtiger geworden. Einerseits hat sie miterleben müssen, wie Bekannte von Bergtouren nicht mehr zurückkehrten. Erfahrene Kletterer, die es besser wissen hätten müssen, aber die Gefahren verdrängt hatten. Andererseits klettere es sich auch generell weniger sorglos, wenn man eine Familie hat. „Manches Risiko ist es mir einfach nicht mehr wert. Meine Kinder und mein Mann gehen vor.”

Und wenn die Kinder später einmal selbst hoch hinaus und einen Achttausender besteigen wollen? „Dann würde ich sie wohl unterstützen”, sagt Helga Hengge und fügt lachend hinzu: „Aber mindestens zum Basecamp würde ich mitreisen.”

Von Meike Baars

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