Presse

Süddeutsche Zeitung

Am höchsten Punkt der Welt
November 2011

Starnberg – In Wirklichkeit ist es nicht einfach, auf einer Fotografie den höchsten Berg der Welt zu entdecken. Neben anderen mehr als 8000 Meter hohen Bergen, wirkt der Mount Everest nicht außergewöhnlich hoch. Lediglich die Gipfelwolken verraten Qomolangma, die Muttergöttin des Universums, wie ihn die Tibeter nennen. An dieser Stelle berührt der Gigant die Jetströme, erklärt Helga Hengge, die anlässlich der Compton- Ausstellung in der Galerie Thoma einen Eindruck über das Abenteuer Bergsteigen mit all seinen Facetten vermittelt.

Die in Chicago geborene, in München aufgewachsene Bergsteigerin hat es als erste deutsche Frau ans höchste Ende der Welt geschafft. Zusammen mit einem großen Team – Helga Hengge ist kein „Reinhold Messner“, wie sie selbst betont - bestieg sie 1999 innerhalb von zwei Monaten die Nordseite des Mount Everest. Auf dem Weg nach oben errichtete sie mit ihrem Team vier Höhencamps. Ist ein Höhenlager aufgeschlagen, geht es zurück zur Basisstation, um nach kurzer Ruhepause wieder aufzusteigen und das nächst höhergelegene Camp aufzubauen. „Der Körper braucht lange, um mehr rote Blutkörperchen zu bilden, die den wenigen Sauerstoff in derartigen Höhen binden können“, erklärt Hengge. Daher ist diese zeit- und arbeitsintensive Vorbereitung die einzige Möglichkeit, den höchsten Punkt der Erde zu erreichen.

Sind alle vier Lager errichtet, steigt das Team vom Basislager aus in fünf Tagen in die Höhe, in der Gipfelnacht kommt man ganz oben an. „Im Mondschein aufzusteigen, war wohl eines der schönsten Dinge, die ich je gemacht habe. Man hört den Berg atmen und meint am Morgen, die Sonne geht gerade zum ersten Mal überhaupt auf“. Angesichts der Bilder, die Helga Hengge zeigt, scheint diese Metapher nicht übertrieben. Mit Fotografien, auf denen man durch kleine Löcher in der Wolkendecke nach unten blickt, auf denen sich gewaltige Berggipfel umliegender Achttausender durch den Wolkenteppich bohren und die den Eindruck unendlicher Weite vermitteln, gelingt es ihr, 8848 Meter Entfernung bis zum Gipfel zu minimieren: Die Bilder versetzen den Betrachter direkt auf den Gipfel.

Für die letzten 100 Meter benötigt man fast eine halbe Stunde, mit winzigen Schritten geht es durch den Schnee dem Gipfel entgegen. Lange ausruhen darf man sich trotz aller Anstrengung auf dem Gipfel dennoch nicht. Zu groß ist die Gefahr, bei Kälte und sauerstoffarmer Luft die Kraft zum Abstieg zu verlieren. „Bei diesem Berg muss man wissen, was man schafft und wann man aufgeben muss. Man darf nicht gehen, wenn einem der Gipfel wichtiger ist als der Rest“, sagt die Sportlerin. „Und jeder muss sich überlegen, was passiert, wenn er den Gipfel nicht erreichen kann.“ Früh wurde die Leidenschaft für die Höhe in der Extremsportlerin geweckt. Ihr Großvater zeigte seinen Enkeln Dias seiner Bergwanderungen und „entführte in andere Welten“. Nach einigen Versuchen an Sechstausendern war der Mount Everest der zweite Versuch, jedoch der erste erfolgreiche, einen Achttausender zu erklimmen. Im nächsten Jahr ist eine Expedition zum Mount Kailash geplant: ein Berg, den man statt hinaufzuklettern umrundet. 

Alexander Bauer

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