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Dem Himmel so nah
Januar 2009

Dieser Berg trägt viele Namen: Nepalesen sprechen über die „Stirn des Himmels”, auf Tibetisch heißt er „Mutter des Universums” und Europäer nennen ihn Mount Everest. Über alle Kulturkreise hinweg besitzt der höchste Berg vor allem eins: eine enorme Anziehungskraft, die jeden Bergsteiger an seine Grenzen führt und viele scheitern lässt. Nicht so Helga Hengge. Sie hat diese Herausforderung gemeistert und als erste deutsche Frau erfolgreich den Gipfel erklommen. Dieses Erlebnis hat ihr Leben positiv verändert.

Die Temperaturen sacken weit unter den Gefrierpunkt, der Wind ist schneidend und in der Luft befindet sich für die meisten Europäer zu wenig Sauerstoff, um lange zu überleben. Die einheimischen Sherpas sind hier klar im Vorteil. Ihr Blut enthält mehr Hämoglobin, was den Transport von mehr Sauerstoff ermöglicht. Oberhalb von 7.500 Metern herrscht dieses ausgesprochen lebensfeindliche Klima. Bergsteiger nennen Regionen mit solchen Bedingungen respektvoll „Todeszone”. Helga Hengge hat die vor knapp zehn Jahren durchschritten. Am 27. Mai 1999 hat sie als erste Deutsche erfolgreich den Gipfel des Mount Everest bezwungen. Der befindet sich in 8.848 Metern Höhe. „Die Stille dort oben war total. Dieser Moment bleibt unvergesslich”, erinnert sich die Extrembergsteigerin.

Diese Expedition hat ihr Leben verändert. Dabei war der Everest nicht der erste Berg, den die hochgewachsene, zierliche Akademikerin bezwang. Auf einigen Sechstausendern erprobte sie zuvor ihre Fähigkeiten. Verantwortlich dafür war ihre Lust auf Abenteuer. Die Münchnerin arbeitete zu Beginn der 1990er Jahre als erfolgreiche Modestylistin in New York. Ihre Arbeitswelt bestand aus Models, Fotoshootings und Designerkleidern. Sie lebte das Leben, von dem viele junge Frauen nur träumen können. Und genau davon hatte sie genug.

Flucht aus dem Trubel

„Mein Alltag bestand aus einer schönen Fassade. Das Bergsteigen war meine Flucht aus dem alltäglichen Trubel und der Schnelllebigkeit”, so Hengge. Auf ihren Gipfeltouren rund um den Globus traf sie immer wieder auf Menschen, die schon einmal persönliche Erfahrungen am Mount Everest gemacht haben. „Dieser Berg hat eine unglaubliche Anziehungskraft. Die Leute, die über ihn sprachen, bekamen jedes Mal glänzende Augen”, berichtet die 42-Jährige.

Aus diesem Grund reifte in ihr der Wunsch, einmal selbst auf dem höchsten Punkt der Erde zu stehen. Hengge: „Mein Leben bestand danach nur noch aus Arbeit und Training. Außerdem musste ich zehn Kilogramm zunehmen, damit mein Körper den Strapazen überhaupt gewachsen war.” Die Entbehrungen und Qualen haben sich für die Extremsportlerin gelohnt. „Wir waren ein 15-köfiges Team. Ein Australier, ein Neuseeländer, zwei Japaner und die einheimischen Sherpas. Das waren sehr raue Burschen, mit denen ich mich aber blendend verstanden habe”, erzählt die 42-Jährige. Insgesamt verbrachte sie über zwei Monate mit ihrem Team. So lange dauerte der Aufstieg über die Nordroute in Tibet.

„Wenn man sich über einen so langen Zeitrau mit dem Everest beschäftigt, wird er zu einem Wesen. Wenn er gute Laune hat, schickt er einem gutes Wetter. Und wenn er schlechte Laune bekommt, tobt ein Sturm, der ein Weiterkommen völlig unmöglich macht. Er allein entscheidet, ob man ihn bezwingt oder nicht”, schildert Hengge. Erkenntnisse wie diese veränderten ihre Perspektive bei der Betrachtung vieler Herausforderungen des Alltags.

Persönlicher Mount Everest

Ihre Erlebnisse hielt sie in ihrem Buch „Nur der Himmel ist höher” fest. Seit dem Erscheinen dieses Werkes ist die ehemalige Modejournalistin eine sehr gefragte Referentin. Ihre Vorträge werden hauptsächlich von Wirtschaftsvertretern besucht. „Meine große Stärke ist, dass ich mich immer wieder neu motivieren kann. Das habe ich am Mount Everest geschafft. Die Grenzerfahrungen, die ich dort gesammelt habe, lassen sich auf viele Bereiche übertragen”, schildert die Gipfelstürmerin. Für sie ist der Berg die Metapher schlechthin: „Jeder hat irgendwann einmal seinen persönlichen Mount Everest vor sich. Wenn man sich mit Begeisterung seiner Aufgabe stellt, kann man sie bewältigen. Das möchte ich an Führungskräfte weitergeben.”

Begeistern kann sich die Extrembergsteigerin übrigens immer noch für neue Projekte: in diesem Jahr will sie die Antarktis durchqueren. Mit lebensfeindlichen Bedingungen kennt sie sich immerhin bestens aus... (sdi)

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