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Bremen Zwei - Gesprächszeit

Die größte Gefahr ist die Selbstüberschätzung
Juli 2019

Radio Bremen  - Moderation: Hendrik Plaß

Gesprächszeit zum Anhören
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11. Juli 2019, 18:05 Uhr
Gesprächszeit
Helga Hengge
Bergsteigerin, Autorin und Keynote Speakerin

 

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Vor 20 Jahren hat sie als erste deutsche Frau den Mount Everest erfolgreich bezwungen, und sie war auch die erste Deutsche auf den "Seven Summits", den höchsten Bergen aller sieben Kontinente. Die größte Gefahr, sagt sie, ist die Selbstüberschätzung: "Man sollte sich nur etwas Großes zutrauen, wenn man sein Ego auch loslassen kann."

Der Mount Everest ist nicht nur der höchste Berg, den sie bestiegen hat, sondern auch der schönste, sagt Helga Hengge. Das liege auch daran, dass man sich dem Berg Schritt für Schritt nähere. Die zwei Monate im Zelt und das langsame Herantasten an die Höhe hat Erinnerungen zurückgelassen.

Es geht schon etwas sehr Göttliches von diesem Berg aus!

1999 war das, als sie den höchsten Gipfel der Welt bestiegen hat. Stück für Stück ist sie damals über sich hinausgewachsen, erinnert sich die 53-Jährige. Heute beobachtet Helga Hengge aus der Ferne die Massen, die sich jedes Jahr im Frühjahr den Berg hinaufschieben. Die größte Gefahr, sagt sie, ist die Selbstüberschätzung.

Natürlich hat sich die Ausrüstung sehr verbessert und die Infrastruktur am Berg ist besser geworden. Und es gibt sehr viel mehr Anbieter und Bergführer, die auch mehr Menschen mitnehmen, die vielleicht noch auf einen anderen Achttausender, einen kleineren Berg, hätten steigen sollen, um mehr Erfahrung an den Berg zu bringen. Das macht den Berg immer gefährlicher.

Helga Hengge ist immer behutsam in die Berge gestiegen. Sie wollte nie in den Bergen sterben, sagt sie. Deswegen ist sie auch auf mehr Bergen vor dem Gipfel umgekehrt, als sie am Ende erfolgreich erklommen hat. Trotzdem hatte sie auch schon einmal Todesangst. Auf ihrem letzten Achttausender, dem Shishapangma in Tibet, verlief sie sich auf dem Rückweg.

Ich habe mich total verlaufen in einem riesigen Eisbruch, der eigentlich ganz einfach zu durchqueren war. Und ich hab' den Fehler gemacht, dass ich nicht auf die anderen gewartet habe. (...) Ich hab' den ganzen Tag nicht mehr rausgefunden aus diesem Labyrinth und erst als es kalt wurde und als das Eis zu knacken angefangen hat, bin ich plötzlich rausgekommen. Ich weiß auch nicht mehr wie – aber ich hatte wahnsinnige Angst.
Hamsterrad New York: "Ich glaube, dass die Berge mich gerettet haben"

Die Leidenschaft fürs Klettern wurde Hengge nicht in die Wiege gelegt. Geboren wurde Helga Hengge in Chicago, mit sieben Jahren kam sie nach Deutschland. Mit 24 Jahren ging es zurück in die USA. "In New York leben" – das war Hengges großer Traum. Und das klappte – in einer glamourösen, aber auch harten Branche: Sie wurde Mode-Redakteurin bei der "Vogue".

Es kommt jeden Tag jemand nach, der besser ist und deinen Job haben will. Und du musst jeden Tag besser sein, du musst bereit sein, mehr zu geben, härter zu arbeiten. Und das macht das Leben in New York nach einer Weile auch sehr mürbe.

Hengge fühlte sich mit Ende 20 wie in einem Hamsterrad, als sie in ihrem Yoga-Studio eine Kletterwand entdeckte. Sehr impulsiv stürzte sie sich in ihr neues Hobby und begann erst im Alter von 30 Jahren mit dem Frei-Klettern. Nur drei Jahre später stand sie schon auf dem Mount Everest, jedes Jahr nahm sie sich einen weiteren Berg der "Seven Summits" vor. Mit dem "Denali" in Alaska, dem höchsten Berg Nordamerikas, hatte sie am Ende ihr Ziel, alle höchsten Berge der sieben Kontinente zu besteigen, erreicht. Den Menschen in Tibet wollte sie danach etwas zurückgeben und hat geholfen, eine Schule zu bauen.

Heute lebt Hengge mit ihrer Familie in München und ist dem Zauber der Berge auch weiterhin erlegen. Derzeit ist sie viel auf kleineren, heiligen Bergen unterwegs.

Moderation: Hendrik Plaß

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